Die Perfektionsfalle: Wenn Mama perfekt sein will

Heute gibt es eine Premiere, denn ich stelle euch auf meinem Blog einen Beitrag einer treuen Leserin vor. Sie möchte anonym bleiben, denn sie berichtet über ihre Achillesferse: ihrem Drang zum Perfektionismus. Mit zwei kleinen Kindern nicht immer einfach…


 

Es ist kompliziert

Ich möchte mir hier etwas von der Seele schreiben und nutze dafür die Gelegenheit, dies anonym bei Frau Chamailion zu tun, da ich einen Zusammenhang zu mir und meinem Blog vermeiden möchte. Es könnte ja eine oder mehrere Personen mitlesen, die mich persönlich kennen und sich dann vielleicht wiedererkennen und verletzt fühlen.

Die Überschrift „Es ist kompliziert“ zeigt ja schon, dass es kein einfacher Text für mich ist. Dennoch möchte ich es mir von der Seele schreiben, um auf diesem Wege andere Mamas als Gleichgesinnte zu finden, um Zuspruch oder auch hilfreiche Tipps zu bekommen. Vielleicht macht mein Artikel anderen Mamas Mut, denen es ähnlich geht. Und wenn es nur dafür gut ist, dass sie merken, dass sie damit nicht allein sind.

 

 

Was genau ist denn so kompliziert?

Das lässt sich nicht mit einem Satz beantworten, dafür muss ich etwas ausholen. Ich habe zwei Kinder (ein Baby und ein Kleinkind) und einen riesengroßen Anspruch an mich selbst. Diesem gerecht zu werden ist meine größte Herausforderung. Nicht die Kinder haben einen großen Anspruch an mich, sondern ich. Ich habe immer gedacht, dass diese Ansprüche an mich selbst automatisch reduziert werden, wenn ich mal selbst Kinder habe. Das ist leider nicht so. Zwar ist nun der erste und höchste Anspruch, den Kindern gerecht zu werden, aber auch alles andere versuche ich weiterhin zu erfüllen – notfalls dann eben nachts auf Kosten meines Schlafes. Dass ich mit wenig Schlaf auskomme, das war schon immer so. Wenn ich dann aber in den 6 Stunden, die ich im Bett liege, noch meine Gedanken kreisen um die ganzen unerledigten und belastenden Dinge, dann stimmt wohl irgendetwas nicht.

Mein Anspruch ist sicherlich auch entstanden, weil ich eben vieles anders machen möchte als ich es in meiner Kindheit erlebt habe.

Ich bin ohne Kontakt zu meinem Vater aufgewachsen und möchte das auf keinen Fall für meine Kinder. Deshalb bin ich bereit, viel dafür zu tun, damit sich mein Partner möglichst wohl fühlt und uns niemals alleine lässt. Ich gewähre ihm seine Freiräume und Hobbys und stelle bewusst keine Forderungen an ihn, wenn er andere Pläne hat. Gerade das macht es allerdings sehr kompliziert, weil ich eben unterbewusst doch Anforderungen habe, die er nicht kennt und deshalb gar nicht erfüllen kann. Ich denke viel, sage aber wenig, weil ich immer denke, dass er es doch merken muss, wenn ich Hilfe brauche oder eins der Kinder seine Aufmerksamkeit haben möchte. Wenn er jedoch vertieft in eine Sache ist, merkt er noch nicht einmal, dass er angesprochen wird. Das tut mir dann leid. Dennoch sage ich meistens nichts, um ihn nicht aus der Konzentration zu holen. Für ihn scheint es ja gerade wichtig zu sein. Bei ihm kommt das allerdings ganz anders an, denn schon wenn ich ihn anschaue oder etwas Belangloses sage, denkt er, dass es eine Aufforderung an ihn ist, etwas zu tun. Das macht unsere Kommunikation sehr kompliziert und führt oft zum Streit. Dass die Kinder den Streit spüren und teilweise mitbekommen, belastet mich, weil ich das nie gewollt habe. Sie haben so sensible Antennen für Unstimmigkeiten, dass sie auf jeden Fall merken, wenn wir Eltern streiten, auch wenn wir nichts sagen.

Ich möchte meinen Kindern Aufmerksamkeit schenken und sie möglichst wenig in Betreuung geben, damit sie möglichst viel „Mama“ erleben dürfen. Meine Mutter ging Vollzeit arbeiten, was für mich bedeutete, dass ich oft bei meinen Großeltern war oder jemand zum Aufpassen bei uns übernachtete. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum der Kontakt zu meiner Mutter heute noch schwierig ist. Hatten wir überhaupt die Möglichkeit, eine Bindung herzustellen? Sie hatte sicherlich keine andere Wahl, da sie als Alleinerziehende selbst für den Lebensunterhalt sorgen musste und keine finanzielle Unterstützung von meinem Vater bekam. Es ist nicht ihre Art, anderen auf der Tasche zu liegen oder Unterstützung vom Amt zu bekommen. Dennoch fühlte ich mich oft allein und vermisste sicherlich auch oft ihre Nähe. Bewusst kann ich mich nicht daran erinnern, dass mir was fehlte, aber ich weiß ja auch nicht, wie es sonst anders hätte sein können. Durch ihre eigenen enttäuschten Gefühle von meinem Vater fiel es ihr sicherlich auch schwer, mir die Liebe zu zeigen, wie ich es vielleicht brauchte. Später als Teenager konnte sie sich nicht gegen mich durchsetzen und wusste sich nicht anders zu helfen, als mich zu schlagen. Auch hier kann ich ihr rückblickend betrachtet keinen Vorwurf machen, denn auch sie erfuhr von ihren Eltern Schläge, wenn sie sich nicht so verhielt, wie sie es verlangten. Und auch mein Vater schlug sie, wenn sie nicht das tat, was er sagte. Dennoch hat all das natürlich nicht dazu beigetragen, dass wir einen guten Kontakt hatten. Es ist bis heute kompliziert, weil vieles unausgesprochen und wahrscheinlich ganz tief in unseren Herzen eingebrannt ist.

 

Darf ich als Mama überhaupt sagen, dass es mir zu viel ist?

Meine Antwort ist „Nein“, weil ich es als Schwäche sehe, zu sagen, dass ich es alleine nicht schaffe und Unterstützung brauche. Irgendwie geht es doch immer, egal wie gestresst ich mich gerade fühle. Ich nutze die Zeit, wenn die Kinder schlafen und ich alles erledigt habe. In letzter Zeit kommt dies jedoch immer seltener vor und ich hetze nur meinen Aufgaben hinterher. Immer mehr habe ich das Gefühl, nicht mehr alles erledigt zu bekommen. Oft verliere ich den Blick dafür, was wirklich wichtig ist und erledige wahrscheinlich sehr oft Dinge, die unwichtig sind und warten oder komplett gestrichen werden könnten. Ich investiere viel Zeit in Aufgaben, die es absolut nicht wert sind. Das merke ich aber dann erst, wenn es zu spät ist und ich wertvolle Zeit damit verbracht habe.

Bin ich eine schlechte Mutter?

„Nur eine zufriedene Mutter ist eine gute Mutter“, höre ich oft aus meinem Umfeld. Zufrieden bin ich dann, wenn meine Kinder zufrieden sind. Aber sind meine Kinder zufrieden? Ihnen gegenüber versuche ich natürlich immer wieder, Ruhe auszustrahlen und Geduld zu zeigen. Leider gelingt mir das nicht immer. Je unruhiger ich bin, umso schlechter schlafen sie ein und umso mehr Aufmerksamkeit verlangen sie. Und je mehr sie meine Geduld auf die Probe stellen, umso ungeduldiger werde ich. Es kommen immer wieder Zweifel auf, ob ich meinen Kinder eine gute Mutter bin. Ich suche viele Fehler bei mir und finde diese natürlich, je mehr ich nachdenke. Mein schlechtes Gewissen steigt ins Unermessliche und ich nehme mir für den nächsten Tag vor, noch geduldiger mit meinen Kindern zu sein und ihnen mehr Zeit zu widmen. Ich beruhige mich selbst damit, dass niemand immer perfekt sein kann und auch Kinder fähig sind, Fehler zu verzeihen und nicht nachtragend zu sein. Meine Kinder entwickeln sich gut und ich bin sehr stolz auf sie. Auch durch das Feedback von Bekannten und Freunden erfahre ich, dass sie es gut finden, wie ich mit den Kindern umgehe. Dennoch finde ich immer Zweifel und stelle mich selbst und mein Verhalten in Frage.

 

Bin ich eine schlechte Ehefrau/ Tochter/ Schwester/ Freundin?

Meine Zweifel gehen noch weiter und ich frage mich, ob ich all die Rollen, die ich habe, erfüllen kann. Auch die Zeit als Paar ist immer weniger vorhanden, da ich, wenn die Kinder schlafen, mit meinen Aufgaben beschäftigt bin und mein Mann dann oft allein im Wohnzimmer sitzt. Kontakt zu meiner Familie ist sehr begrenzt – weil es eben kompliziert ist. Aber nicht selten frage ich mich, ob ich hier vielleicht auch zu anspruchsvoll bin und zu viel erwarte. Kontakt zu Freunden ist sehr begrenzt, weil hierfür so gut wie keine Zeit bleibt. Dass meine Freunde damit nicht auf Dauer zufrieden sind, verstehe ich. Deshalb melden sie sich leider auch immer seltener – wofür ich natürlich Verständnis habe. Wie kann ich all diese Rollen erfüllen? Muss ich das überhaupt? Wie kann ich auch hier zwischen wichtig und unwichtig filtern und die Kontakte aufrecht halten, die es wirklich ernst meinen? Auch darum kreisen meine Gedanken immer wieder.

 

Wie komme ich raus aus dieser Spirale?

Ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffen soll, aus der Spirale zu entfliehen. Meine Kinder betreuen zu lassen, um Aufgaben zu erledigen, möchte ich nicht. Viel lieber möchte ich meine Ansprüche reduzieren und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden lernen. Und ich möchte mein Gedankenkarussell ausschalten und Dinge, die ich nicht ändern kann, akzeptieren. Damit würde ich wertvolle Energie sparen, die mich diese Gedanken kosten. Was ich ändern möchte, weiß ich – nur das „Wie“ bleibt offen. Vielleicht bietet sich durch diesen anonymen Artikel die Möglichkeit, Tipps und Erfahrungen von anderen Mamas zu bekommen, denen es ähnlich ging oder geht. Es hat sehr gut getan, dies einfach mal aufzuschreiben, worüber ich sonst mit niemandem rede. Danke schön, liebe Frau Chamailion.


Du Liebe, ich danke dir für diesen ehrlichen und offenen Text. Ich denke, dass viele andere Frauen auf die ein oder andere Weise ein ähnliches Problem haben. Ich wünsche dir alles Glück auf dieser Welt und viel Gesundheit für deine eigene, kleine Familie!

Und jetzt die Frage an die Leser: kennt ihr solche Gefühle der Überforderung und den Drang, alles möglichst perfekt zu machen? Wie geht ihr damit um?

Tagebuch eines Mombies..#4

Ich wache auf. Links neben mir sabbelt sich das Baby schon einen zurecht. Der Mann kommt gerade ins Zimmer mit der ‚guten Morgen Tasse‘ Kaffee. Ich erschrecke. Es kann unmöglich noch vor 6.30Uhr sein, denn mein Wecker hat doch gar nicht geklingelt,oder doch?
Ich schiele zur Uhr. So ohne Kontaktlinsen würde ich den verschwommenen Matsch als knapp 8 h deuten. So ein Mist. Eigentlich wollte ich jetzt schon los fahren. Egal, Hektik hilft jetzt nicht mehr viel. Erst Kaffeetrinken und Babyraupe abfüllen. Vorher läuft hier sowieso NÖSCHTS!

Endlich habe ich mich und die Raupe eingepackt. Aus dem Umzugskartonchaos habe ich es doch tatsächlich noch geschafft alle meine Ausbildungsunterlagen inkl. Zeugnisse einzupacken und einen Ausdruck meines Notenspiegels aus dem Basissystem zu machen. Eine Höchstleistung. Der Drucker war kaum zu erreichen.

Alles eingepackt. Navi, Wickelzeug, Bondolino, alle Unterlagen, Wasser und was zu Essen? Ich komme mir vor, als ob ich auf eine Expedition gehe, dabei will ich doch nur mit meinem Baby zur Uni. Allein mit der Raupe im Auto 80 km. Und das ist das Problem. Ich bin nervös. Schon seit gestern. Warum? Frag ich mich auch! Das Baby könnte 80 km lang heulen oder wir könnten auf der A3 bei Köln im Stau stehen oder ich könnte mich verfahren oder der Professor ist doch nicht da oder meine Unterlagen werden nicht anerkannt oder, oder, oder…Ja, tausend Möglichkeiten. es wäre jetzt Zeit schreiend im Kreis zu rennen. Ich lasse es.

Nur noch kurz tanken und dann gehts los. 83 km. Fahrtzeit 1 h 3 Minuten.

Im Endeffekt ist es wieder besser gelaufen als erwartet. Auf dem Hinweg gab es nur einen Stau, eine Pinkelpause, habe ich mich nur zweimal verfahren und nur auf 10 km Heulraupenalarm. Ich war ein wenig stolz auf mich. Die Raupe wurde dann im Auto auf dem Parkplatz gestillt, gewickelt und ins Bondolino verpackt. Ich glaube die umstehenden Studenten waren etwas verwirrt.

Natürlich war der Professor nicht in seinem Büro. Ich stand mit Baby vorm Bauch also etwas verloren da. Im Keller des Institutes für anorganische Chemie. Ins Labor gehen und nachfragen? Ein Blick auf das Schild „Achtung Röntgenstrahlung“ und ein kurzer Blick auf das Kind. Neee. Erstmal weiter motiviert klopfen. Nach dem gefühlt zehnten Versuch öffnete mir sogar jemand die Türe. Ein Student.

Wie sich herausstellte war der junge Mann kein Student, sondern ein Prof. Dr. der Chemie. Aha. Die werden also auch immer jünger, wa?

Ich erklärte mein Anliegen nochmals.Anerkennung des Praktikums. Bitte. Danke. Wir hatten telefoniert.

Nach Ansicht meiner Unterlagen, vernehme ich aus seinem Mund ein: Ach, das ist ja putzig. Wie jetzt? Klar, das Baby ist putzig. Ich weiß schon….aber er meinte nicht das Baby. Er meinte meine Noten. Ja, ich weiß. Meine Noten in der Ausbildung waren nicht die Besten. Partyphase, Prüfungsangst und so weiter. Wir einigen uns auf einen Kompromiss. Kein Praktikum, aber die Abschlussprüfung mitschreiben. Deal! Ich bin zufrieden. Und weil das Baby so niedlich ist, bekomme ich ein Skript geschenkt 🙂

So, das wichtigste abgehakt. Dann weiter. Noch ins Steinmanninstitut und ins Schloss. Zum Schluss waren wir sogar noch im Botanischen Garten. Die Raupe verhielt sich die ganze Zeit über kooperativ, sogar auf dem Rückweg. Einmal habe ich tatsächlich überlegt, ob sie mit im Auto ist. Diese Stille. …ungewohnt.

Endlich wieder zu Hause angekommen war ich ganz schön stolz auf mich. Und die Raupe natürlich.
Ich habe mich endlich wieder getraut meine weitere Studienplanung in Angriff zu nehmen. Ich habe Fakten geschaffen und mir damit den Arschtritt verpasst, den ich gebraucht habe. Nun fühlt es sich wieder gut an über die Uni nachzudenken, denn es geht wieder voran.

Die Raupe darf ihr verdientes Schläfchen halten und Mama packt weiter Kisten.