Neujahr und die 3 Rosinen

#Achtsamkeit  Ich mag eigentlich gar keine Rosinen und doch klaube ich mir an diesem müden Neujahrabend drei Rosinen aus der Snackbox meiner Tochter, um sie achtsam zu verspeisen.

 

Die 1. Rosine

Der Tag nach Silvester. Den  Jahreswechsel habe ich  nur wach mitbekommen, weil direkt vor meinem Schlafzimmerfenster Unmengen von Feuerwerk in die Luft gepulvert wurde.

Dieses Jahr, es durfte endlich zu Ende gehen. Und 2016 hat an seinem letzten Tag noch einmal zugeschlagen.

Gute Vorsätze sind also für das kommende Jahr übersichtlich: gesund werden und bleiben, uns lieben, glücklich sein.

Aus diesem Grund sitze ich nun hier und stecke mir diese dunkelbraune Rosine in den Mund. Diese eingetrocknete Frucht mit ihrer Haut wie Rinde – weicher Rinde. Woran mich die Rosine erinnert, fragt mich die Stimme von der CD.

Rosinen gehörten nie zu meinen Lieblingsfrüchten. Zu süß, zu aromatisch. Aber mein Vater mochte sie, besonders im Mürbchen. Und so kaufte er für jeden Tag, den er in seinem Garten verbrachte, drei Mürbchen mit Rosinen. Eins für sich, eins für sein treues Drosselweibchen und eins für mich. Jedes Mal ließ ich es liegen und fand am nächsten morgen nur noch Mürbchenkrümel vor dem Sofa wieder.

Eine Rosine = ein Wunderwerk der Natur

Ich halte diese kleine Frucht gegen das Licht. Sie schimmert wie dunkles Bernstein, oder ein Tropfen Tannenhonig im Morgenlicht.

Ich drehe sie zwischen meinen Fingern. Sie ist zäh wie Leder und trotzdem weich. Es erinnert mich daran, dass ich die prallen, vor Leben strotzenden Trauben liebe. Sie in den Mund ploppen lassen, auf ihre feste Schale beiße und somit meinen Mund mit der fruchtigen Süße und dem erfrischenden Saft flute.

Über die Rosine legt sich dagegen ein dunkler Schatten. Ihre Haut wirkt ledrig und runzelig wie die alter Menschen. Ihre Konsistenz ist elastisch. Wenn ist darauf beiße, ist sie stumm.

Ihr Geschmack ist voller reduzierter Süße und erdigem Aroma.

Das wichtigste Element, das Wasser, wurde dieser Frucht entzogen und es bleibt: Vollmundigkeit.

Quelle: Pixabay

Die 2. Rosine

Die zweite Rosine ist zackig zerkaut und verschlungen. In ihr wohnt kein Zauber inne. Sie ist nur kalt und süß – zu süß für mich.

Die 3. Rosine

Ich suche einen Mittelweg. Bei der ersten Rosine habe ich alle Sinne eingesetzt und diese runzelige Frucht erforscht, als wäre sie ein neuartiges Forschungsobjekt. Die zweite Rosine habe ich gegessen, wie ich eine Rosine esse. Hastig, mit spitzen Zähnen und vollkommen ohne Wertschätzung ob dieser Frucht, die schon einen ganzen Lebenszyklus verbracht hat. Eventuell sogar auf einem anderen Kontinent. Welche Wege hat sie schon genommen und wieviele Hände haben sie berührt?

Diese dritte Rosine – ich esse sie in Achtsamkeit. Ich schmecke ihr Aroma von Sirup und Frucht, sie fühlt sich warm an und ihre Konsistenz verändert sich von Biss zu Biss.

Wann habt ihr das letzte mal ein Lebensmittel so gegessen, dass ihr es mit allen Sinnen erlebt habt?

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