„Papa hat mich einfach alleine gelassen!“

Ein siebenjähriger Junge steht laut schluchzend im Nieselregen auf dem Parkplatz. Ohne ein Elternteil oder jemanden, der sich um ihn kümmert. Was ist passiert?

Es ist Freitag und wie immer an solchen Tagen ist das Wetter mies, ich bin müde, habe Kopfschmerzen und mir ist schlecht. Die Wochenendmigräne kündigt sich an und ich will eigentlich nur diesem blöden Nieselregen entkommen und endlich zu Hause sein.

 

Ein weinendes Kind auf dem Parkplatz

Kurz vor der heimischen Haustüre muss ich an einem Parkplatz vorbei. Im vorbeigehen höre ich ein Kinderweinen. Im ersten Moment habe ich mir nichts dabei gedacht, denn in unserer Stadt gibt es sehr viele Familien und da weinen nun auch mal des öfteren Kinder. Ausserdem ist Freitags in der Stadt immer viel los. Niesel hin oder her.

Ein Seitenblick hat mich dann aber doch Stutzen lassen: ein kleiner Junge steht alleine, völlig aufgelöst und laut schluchzend an ein Auto gelehnt. Kein Erwachsener ist weit und breit nicht in Sicht. 

Ich gehe sofort zu dem Jungen und frage ihn was los ist.

„Mein Papa hat mich einfach alleine gelassen!“

Oje. Ich versuche ihn erstmal zu beruhigen und Frage ihn, was denn genau passiert ist.

Er erzählt, dass er keine Lust hatte in die Stadt zu gehen, weil er die Stadt nicht mag und sein Vater ihn dann dort stehen liess, weil es dringend etwas erledigen musste.

Mh…ich bin etwas ratlos und versuche die verschiedenen Optionen durchzugehen. Vielleicht ist der Vater ja auch nur ein Stück weit gegangen und wartet an der nächsten Ecke auf den Sohn? Ich biete an, mit ihm in die Stadt zu gehen und dem Vater entgegen zu kommen.

„Nein! Ich will nicht in die Stadt!“

Ich frage ihn, ob er denn die Telefonnummer von seinem Vater hat und wir ihn anrufen können.

„Nein, nur die von der Mama. Aber die ist auf der Arbeit. Ich soll sie nicht anrufen, wenn der Papa mich abholt.“ Mehrmals versuche ich vergeblich die Mutter zu erreichen.

 

Dableiben, weitergehen oder den Jungen mitnehmen?

Ich beschließe solange mit dem Jungen zu warten, bis der Vater wieder kommt. Nach 15  Minuten kommt er zurück. Mit zwei Brottüten unter dem Arm.  Erstaunt schaut er mich an, als er mich mit dem Jungen sieht.

“ Ihr Junge stand hier ganz alleine und hat fürchterlich geweint. Ich habe dann mit ihm gewartet, weil man doch so ein kleines Kind nicht alleine lassen kann.“ Mehr fiel mir auch nicht ein. Sollte ich in jetzt Maßregeln oder mit der Polizei drohen? Erzählen, dass ich die Mutter versucht habe zu erreichen?

Die Antwort des Vaters war kurz und knapp: „Der Junge wollte nicht mit und da muss er halt hier warten.“ BÄMM!

 

Wann soll man sich einmischen?

Der Junge ist 7 Jahre alt und geht auch schon in die Schule. War es von mir also übertrieben ihn für hilflos zu halten und beschützen zu wollen? Wer weiß, was im Vorfeld zwischen Vater und Sohn abgelaufen ist und der Vater ist einfach supermega genervt gewesen, weil der Junge jedes Mal weigert in die Stadt zu gehen, weil er ‚keine Lust‘ hat. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht dabei.

Wann soll/darf/muss ich mich in die Belange anderer Familien einmischen? Wäre es in dieser Situation schon angebracht gewesen die Polizei zu rufen?

Was ist eure Meinung und wie hättet ihr reagiert?

 

Home Is Where Your Heart Is

ProfilbildRund-1Vany wurde im Studium schwanger. Gerade im Endspurt auf die Bachelorarbeit hat sie ihren Sohn Ben geboren. Fernab von der Familie zieht sie ihren Sohn auf, während sie Haushalt und Studium wuppt  – alleine, denn Vany ist alleinerziehend.

Jetzt zieht es sie nach Hause in die Heimat: Home Is Where Your Heart Is


 

Ich heiße Vany und blogge über mein Leben als alleinerziehende Studentin und die Probleme, Sorgen und Ängste, die das mit sich bringt.

Als ich an die Uni kam, waren viele Studierende bereits fest integriert, da sie aus der Region kamen und bereits seit Schultagen befreundet waren. Ich bin kein Mensch, der einen Raum betritt und alle gleich für sich einnimmt. Ich bin nicht schüchtern, aber ich mag es nicht oberflächlich. Einen Menschen zu finden, den ich als „Freund“ bezeichnen würde, ist keine Leichtigkeit. Dennoch hatte ich das große Glück, gleich an meinem ersten Tag zwei Freunde kennen zu lernen, die mich bis heute auf meinem Weg begleiten.

Dennoch – eine der beiden ist gerade über beide Ohren verliebt und der andere mitten im Arbeitsleben gelandet. Und mein Leben? Nun ja, das hat sich auch auf den Kopf gestellt. Im 5. Semester bin ich schwanger geworden. Das Unileben tauschte ich mit Bangen, Lesen von Babyforen und wachsendem Bauch.

Da ich schon während der Schwangerschaft wusste, dass ich nicht mit der Begleitung des Papas rechnen sollte, hatte meine Mama in den letzten Wochen bereits ihre Tasche gepackt und war abrufbereit. In der Regel dauert die Fahrt von Wuppertal nach Braunschweig 3 Stunden – das sollte ja irgendwie zu schaffen sein.

 

Leben ist das, was passiert, während man andere Pläne schmiedet.

Zwei Wochen vor der Entbindung entschied ich mich spontan, in Wuppertal zu entbinden. Meine Oma war ins Krankenhaus eingeliefert worden und es sah schlecht aus. Kurzerhand holte mein Vater mich ab. Mich, meinen Hund, den halben Inhalt meines Kleiderschranks, die Wiege, alle Erstlingsklamotten, den Kinderwagen und und und…                                             Ich suchte mir ein Krankenhaus aus und besuchte einen Infoabend. Während die meisten werdenden Eltern glücklich über ihre Minibäuchlein streichelten, schob ich meine riesige Kugel schnaufend durch die Krankenhausflure.                                                                          Mit großem Glück fand ich noch eine Nachsorgehebamme. „Wann entbinden Sie denn?“ – „Könnte jeden Moment soweit sein!“

Mein Sohn kam in meiner geliebten Heimatstadt zur Welt. Meine Mama hat mir Luft zugefächelt und die Nabelschnur durchtrennt. Zwei Monate nach der Entbindung blieb ich noch „zu Hause“. Dann wurde es Zeit, das ganze Equipment wieder einzuladen und die Heimreise anzutreten. 

SAMSUNG CSC
SAMSUNG CSC / Foto: http://www.artschoolvets.com/

 

Auch die Jahre zuvor war es mir immer schwer gefallen, mich zu lösen. Ich hatte in Braunschweig nur einen kleinen Kreis. Ja, ich kannte mich mittlerweile gut aus. Ja, die Stadt gefiel mir außerordentlich gut. Aber es ist nicht meine Heimat. Bei diesem Abschied hat mein Vater geweint. Aus ganzem Herzen. Zum ersten Mal würde ich mit diesem kleinen Wurm alleine losziehen. Nicht, dass ich das nicht packen würde.

Dass ich so lang geblieben bin, war nicht nötig, aber es war schön, es hat so vieles so viel einfacher gemacht. Es hat uns ankommen lassen. In Braunschweig hingegen bin ich bis heute nicht ganz angekommen.

Ich wohne nun seit 4 ½ Jahren hier. Seit fast 2 Jahren mit Ben. Wir wuppen unseren Alltag gut. Aber das Größte ist immer noch, wenn wir „nach Hause“ fahren. Manche finden es hässlich, aber wenn ich auf der A2 die ersten Schornsteine der Fabriken im Ruhrgebiet sehe, geht mein Herz auf. Nicht mehr lange! Es ist wundervoll, dort zu sein. Vertrautheit, Geborgenheit, Familie. Dennoch bin ich dort nur zu Besuch. Nicht ganz dort, nicht ganz hier. Ich bin zerrissen und dennoch habe ich für mich den Entschluss gefasst, zurück zu gehen.

 

Ich möchte endlich ankommen. Ich möchte nicht mehr bloß Pflichten erfüllen. Ich möchte zu Hause sein. 

 Ben’s Papa hat das nie verstanden. Er sagte, er wolle versuchen, mir Braunschweig wieder schmackhaft zu machen. So funktioniert das leider nicht. Nächstes Jahr soll es angehen.

Die Vorfreude kommt jetzt schon auf. Gleichzeitig könnte ich weinen. Auch Braunschweig bedeutet mir sehr viel. Hier habe ich mich unendlich weiter entwickelt. Hier habe ich mit ganzem Herzen geliebt, habe meinen Sohn gezeugt. Hier habe ich Parties gefeiert, bei denen Waschbecken abgerissen wurden, hier bin ich spontan mit Fremden losgezogen, hier habe ich gebüffelt, meine ersten Versicherungen abgeschlossen. Hier ist Ben die ersten 2 (dann fast 3) Jahre aufgewachsen. Hat seine ersten Worte gesprochen, seine ersten Schritte gemacht, die ersten „Freunde“ gefunden. Und wenn ich zurück gehe, wird er sich vielleicht nie an die Zeit in Braunschweig erinnern können. Die Stadt wird nichtmals in seinem Ausweis als Geburtsort stehen. Er wird es nur aus Erzählungen und Besuchen kennen. Aber er wird nie sagen können: „Ach Mama, weißt du noch, damals in Braunschweig…“

Auch, wenn ich hier nie zu 100% angekommen bin, so wird es mir doch fehlen. Ich möchte die Freunde, die ich hier gefunden habe, nie wieder hergeben. Aber leider reicht es nicht aus, mich zu halten. Der Moment, in dem ich den Schlüssel meiner ersten eigenen Wohnung mit so unglaublich vielen Erinnerungen abgeben werde, wird mich zerreißen. Aber ich muss meinem Herzen folgen, um restlos glücklich zu sein. Hier liegt ein wichtiges Stück unserer Vergangenheit, aber das soll nicht unsere Zukunft sein. Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns dann ab nächstem Jahr hin und wieder mit der Frau Chamailion auf einen Kaffee, denn die wohnt ja dann gleich um die Ecke 😉


 

Liebe Vany, danke für deinen tollen Beitrag. Ich kann mich übrigens sehr genau verstehen, was du meinst. Wir haben Verwandte in Braunschweig und jedes Mal, wenn ich auf der A2 über diese Anhöhe fahre und die ersten Schornsteine auftauchen weiß ich, wir sind gleich zu Hause!

Ich freue mich, dass du bald wieder in good-old NRW bist und wir uns dann mal zum Quatschen treffen können 🙂

Wie erlebt ihr das mit Kind im Studium? Habt ihr die Familie vor Ort oder lebt ihr auch fernab der Heimat?

Heimat – was ist das überhaupt?


 

Mehr von Vany könnt ihr auf ihrem Blog erfahren!

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